Wohin die Sehnsüchte fliegen 

Ich sitze in einem alten angestaubten TGV nach Nantes. Hier erinnere mich an meine Zeit am Gymnasium, in der ich bei einer eloquenten und noch sehr jungen Lehrerin Französisch gelernt habe. Ich hatte Spaß dabei – zumindest solange wie ich Grammatik und Vokabeln gepaukt habe. Irgendwann hatte ich dazu keine Zeit mehr – oder war einfach faul? Aus meiner 1 wurde eine 3 und das Fach Französisch zum notwendigen Übel. Jedesmal wenn ich Madame K. sah, packte mich das schlechte Gewissen. Ich bin mir sicher, ich galt als einer der Hoffnungsträger der Klasse. Ich sah ihre Enttäuschung in ihrem Gesicht und fühlte mich grausam. Bis heute träume ich manchmal nachts davon, wie ich ihr schonend beigebracht habe, in der 11. Klasse Französisch abzuwählen. Nach ein paar Jahren habe ich mal versucht, auf ARTE einen Film in Originalsprache zu schauen. Es war ernüchternd. Aber nachdem ich die Untertitel angeschalten hatte und mich wieder erinnerte, kam plötzlich die Lust auf die Sprache wieder. Sie hielt nur nicht lange an und im Alltag begegneten mir zu wenige Menschen, mit denen ich hätte Französisch sprechen können. Ähnlich war es übrigens mit Russisch. Obwohl meine Söhne fließend Russisch sprechen, ich seit meinem 14. Lebensjahr für viele Jahre fast jedes Jahr für ein oder zweimal in Russland war, ich mehrere Kurse und sogar Privatunterricht genommen habe, bin ich nie über die Grundkenntnisse hinausgekommen. Es gab im Alltag nie (bzw. zu selten) die Notwendigkeit, die Sprache anwenden zu müssen. 

Jetzt sitze ich in dem in die Jahre gekommenen TGV mit rosaroten Sitzen, lila Beschriftung und eierschalengelber Beleuchtung und fahre nach Nantes. Ich folge einer Einladung und bin seit Stunden unterwegs, habe von Paris nichts außer dem Flughafen gesehen. Die Stadt der Liebe. Nun, wenn man ohne einen Menschen reist, der einem am Herzen liegt, was soll man dann auch in Paris? Es würden sich wahrscheinlich Sehnsüchte melden, die fehl am Platze wären, weil man sie noch nicht definieren kann. Weil das Herz gerade verrückt spielt. Weil der Kopf zur Ruhe kommen soll. Weil das Leben wieder bei Null beginnt. Das ist der feste Entschluss. Und trotzdem, Paris kann man nicht ohne Sehnsüchte streifen. Und sei es auch nur vom Flughafen aus. Vielleicht ist aber auch gerade der symbolisch. Die Gedanken fliegen davon. In alle Himmelsrichtungen. Dahin, wo die Sehnsüchte hingehören. Da, wo alles Neue beginnt. 

Etwas Neues wird beginnen, Vergangenes wird zu Erinnerungen. Erinnerungen, die fest im Herzen verankert sind. An manchen Stellen braucht das Herz viel Raum, andere Stellen wurden notdürftig mit vielen Schichten Pflaster verklebt. Verletzungen, die tiefe Wunden in das weiche Muskelfleisch geschürft haben. Tiefe Stiche, die lange nicht verheilen werden und  Narben hinterlassen.  Man kann sie nicht von außen sehen, sie werden aber da sein und bleiben, schmerzen, wenn eine Erinnerung sich in die Gedanken schiebt. Aber irgendwann sind die Pflaster nicht mehr notwendig. Das Herz wird sich wieder erholen und für das Neue, dass sich zaghaft an es heranwagt, öffnen. 

Und vorhin im Bahnhof des Flughafens Charles de Gaulle liegt es da vor mir. Dieses kleine Herz. Am Boden. Symbolisch für die letzten Monate. Ein Herz am Boden. Wieviele Menschen haben wohl schon an Bahnsteigen ihre Herzen verloren? Aber dieses hier liegt für mich da, glitzert und erinnert mich daran, dass das Leben weitergeht. Es tut nicht weh. Es strahlt und lässt mich lächeln. Es schreit danach, aufgehoben zu werden und geborgen eingesteckt zu werden. Ich hab es trotzdem liegen lassen. Wer weiß, vielleicht kommt derjenige wieder, der es in Paris verloren hat. Und ich hab ja mein eigenes. Das, was sich momentan noch versteckt. Aber irgendwann fliegt es dahin, wo die Sehnsüchte es hintragen. 
Oder wie es Zaz so viel schöner singt: „Si jamais j’oublie„.

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2 Gedanken zu “Wohin die Sehnsüchte fliegen 

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